top of page

Leseprobe

Kapitel 1 - Die grauen Reiter

Die Dunkelheit umhüllte Tami, als sie plötzlich aus einem unruhigen Schlaf hochschreckte. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust, während sie sich im Bett aufrichtete. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Was hatte sie geweckt?

Eine unbestimmte Angst kroch in ihr hoch, während sie sich aus dem Bett schlich und zum Fenster ihrer kleinen Kammer huschte. Der Hof lag still und verlassen unter dem silbernen Schein des Mondes, das Tor zum Weg in die dunklen Wälder schimmerte im sanften Licht. Tami öffnete das Fenster und spähte hinaus, doch alles war still. Trotzdem spürte sie, dass etwas nicht stimmte.

Nach einer Weile beschloss Tami, sich wieder ins Bett zu legen, als sie plötzlich aus der Dunkelheit der Nacht ein Geräusch hörte. Es war leise, weit weg und klang wie ein Wiehern, allerdings viel heller und melodischer, als sie es je zuvor gehört hatte. Sofort war sie wieder am Fenster und lauschte, aber das Geräusch wiederholte sich nicht. Ihre Tante hatte Tami eingeschärft, in der Nacht niemals das Haus zu verlassen. Tami hatte sich stets an diese Warnung gehalten, nicht aus Gehorsam, sondern aus Angst vor den Geheimnissen, die die Dunkelheit verbarg. Das Haus ihrer Tante, in dem Tami wohnte, lag abseits des Dorfes, am Rand eines großen Waldes. Die Vorstellung, allein in der Nacht durch diese finstere Umgebung zu streifen, war beängstigend. Sie legte sich wieder hin, nahm sich aber fest vor, am nächsten Tag nachzusehen, was das Geräusch verursacht haben könnte. Vielleicht brauchte ein Tier im Wald Hilfe, oder es waren doch nur die Nachwirkungen eines Traums?

Trotzdem sie sich so zu beruhigen versuchte, war an Schlaf nicht mehr zu denken, und Tami lag wach in ihrem Bett und wartete auf den Anbruch des neuen Tages. Als endlich die ersten zarten Strahlen der Morgendämmerung das Dunkel durchdrangen, war Tami schon längst auf den Beinen. Sie konnte es kaum erwarten, in den Wald zu laufen und dem Geheimnis der Nacht auf den Grund zu gehen. Tami war noch vor ihrer Tante Rella in der Küche und begann, das Frühstück für sie beide zuzubereiten. „Guten Morgen, Tante Rella!“, rief Tami, als ihre Tante in die Küche kam. „Morgen“, antwortete ihre Tante und musterte sie argwöhnisch. „Warum so früh auf den Beinen heute?“ „Ich wollte gleich in den Wald laufen und uns ein paar Pilze für das Mittagessen suchen, wo doch heute ein so schöner Tag ist…“, begann Tami. „Nicht bevor du die Tiere versorgt und den Stall geputzt hast“, antwortete ihre Tante. „Die Arbeit erledigt sich nicht von selbst“. „Ja, Tante Rella“, antwortete Tami und stellte ihrer Tante mit gesenktem Blick den Frühstücksbrei auf den Tisch.

Tami machte sich nach dem Frühstück und dem Aufräumen der Küche in Windeseile an die Arbeit, doch ihre Gedanken kreisten weiter um das seltsame

Geräusch der letzten Nacht. Der Hof war klein, aber lebendig, mit Hühnern, Ziegen und einer einsamen Kuh. Sie kümmerte sich um die Tiere, was sie normalerweise mit Freude erfüllte, doch ihre Gedanken waren weit weg. Die Erinnerungen an glücklichere Zeiten drängten sich in ihren Verstand, bevor sie sie energisch verdrängte. Sie durfte sich nicht ablenken lassen.

Der Hof, auf dem Tami mit ihrer Tante lebte, war eigentlich eher eine Hütte, an die man einen kleinen Stall angebaut hatte. Die Tiere und der Gemüsegarten gaben grade so viel her, dass Tami und ihre Tante zu essen hatten und ihre Tante Eier und Gemüse am Markt verkaufen oder gegen andere wichtige Dinge wie Kleidung oder Wolle tauschen konnte. In harten Wintern reichte es auch dafür nicht immer aus, aber bisher waren die beiden immer irgendwie über die Runden gekommen.

Als Tamis Eltern noch lebten, hatte Tami mit ihnen in einem schönen großen Haus gewohnt, hinter dem Hügel, der an das Dorf Naraan grenzte. Tamis Dorf lag im Land Beleriem, und ein ganzes Stück von den nächsten größeren Städten und Burgen entfernt. Tamis Mutter war eine schöne, lebensfrohe Frau gewesen, die viel lachte, und Tamis Vater hatte sie über alles geliebt. Er war als Händler sehr oft auf Reisen, darum war er nicht besonders oft zu Hause gewesen. Wenn er nicht da war, vermissten sie ihn, aber es war auch schön, gemeinsame Tage zu zweit mit ihrer Mutter zu verbringen. Sie saßen dann abends oft am Feuer und ihre Mutter bürstete Tamis feines blondes Haar. Tami konnte sich aber auch an viele wunderbare Tage und Abende erinnern, an denen die Familie zusammen in der großen hellen Küche saß und gemeinsam aß, Spiele spielte und ihr Vater Geschichten erzählte. Er wusste so viele spannende Geschichten! Vielleicht kam es daher, dass Geschichten Tamis große Leidenschaft waren. Und sie hatten so viel zusammen gelacht. Tami liebte vor allem das glockenhelle und klingende Lachen ihrer Mutter. Immer schienen besonders ihre Augen zu leuchten, wenn sie lachte. Ihre schönen blauen Augen, die Tami laut Tante Rella geerbt hatte. Alles war wunderbar gewesen, bis… ja, bis…

Tami schob den Gedanken entschieden zur Seite. Sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Endlich war sie im Stall fertig und lief ins Haus, um einen Korb und

ihren Umhang zu holen. Tami ließ den Hof hinter sich und bog auf den Weg ein, der zum Wald und weiter in Richtung Dorf führte. Die goldene Sommersonne schaffte es, ihre trüben Gedanken aufzulösen. Was für ein wunderschöner Tag! Der Wald leuchtete in unzähligen Schattierungen von Grün. Die Wiesen standen noch in voller Blüte und die Luft war frisch und klar, ließ aber noch die Wärme des ausklingenden Sommers verspüren. Die Sonne stand schon relativ hoch am Himmel – Tami musste sich beeilen, um die Pilze für das Mittagessen zu sammeln, und vor allem endlich nach der möglichen Quelle für das nächtliche Geräusch zu suchen.

Während sie sich dem Waldrand näherte, hörte sie plötzlich Hufgetrappel, das sich in ihre Richtung bewegte. Was war das? Im Dorf gab es wenige Pferde, und jene die es gab, waren meistens zur Arbeit vor Wagen oder Pflüge gespannt. Das hier klang nach einer ganzen Menge Pferde, die ziemlich schnell liefen.

Nun drangen die Stimmen mehrerer Männer an ihr Ohr, und Tami zog sich eilig hinter ein Gebüsch zurück, um sich zu verstecken. Was hatten diese Reiter hier zu suchen? Die Worte der Fremden klangen düster und geheimnisvoll, und Tamis Herz begann schneller zu schlagen. Sie wagte kaum zu atmen, ging leise und geduckt zum Waldrand und zog sich hinter ein paar dichte Büsche zurück. Sie wollte den Fremden – inzwischen war sie ziemlich sicher, dass es Fremde sein müssten – lieber nicht begegnen. Trotzdem war sie neugierig. Was hatten diese Männer zu Pferde hier zu suchen?

Das Hufgetrappel und die Stimmen wurden lauter und Tami konnte nun schon einzelne Wörter und Satzfetzen vernehmen. „Ich verstehe nicht, warum wir hier in

dieser entlegenen Gegend suchen sollen“, sagte einer der Männer. „Hierher verirrt sich doch nie im Leben jemand.“ „Du kennst unsere Befehle“, sagte ein anderer Mann, den Tami jetzt auch sehen konnte. Er hatte eine tiefe Stimme, sah kräftig aus und ritt auf einem schwarzen Pferd. „Alle Grenzbereiche werden durchkämmt, bis es gefunden wird. Dem Herrscher ist es egal, ob du das gut findest oder nicht.“ Der andere Mann, der sehr groß und grobschlächtig war und auf einem braunen Streitross saß, lachte dunkel: „Na ja, wenigstens gibt es hier ein paar Dörfer mit hübschen Mädchen, da wird den Männern zumindest nicht langweilig unterwegs.“ „Du weißt, dass wir dafür eigentlich keine Zeit haben“, entgegnete der erste Soldat. „Ja, vielleicht machen wir die eine oder andere Ausnahme“, ergänzte der Mann mit einem bösen Lachen. „Was machen wir eigentlich, wenn wir es gefunden haben?“, fragte der grobschlächtige Mann. „Wir können es ja nicht den ganzen Weg…“ „Halt den Mund!“, unterbrach ihn der andere. „Das ist für niemandes Ohren bestimmt. Wir nehmen es gefangen, rufen unseren Herrn und der wird sich der Sache annehmen – und auch unserer Belohnung, hoffe ich!“

Die beiden Männer waren nun an Tamis Versteck vorbeigeritten. Nach ihnen folgten noch ungefähr zwanzig weitere Krieger, alle in dunklen Rüstungen und zu Pferd. Tami begann vor Angst zu zittern – sie wollte sich nicht vorstellen, was der grobschlächtige Mann anstellen würde, wenn er sie sah und erkannte, dass sie ihn belauscht hatte. Langsam und leise begann sie sich tiefer in den Wald zurückzuziehen. Tami verbrachte oft Zeit im Wald und war wirklich gut darin, sich

leise fortzubewegen – nicht aber heute. Sie war so aufgeregt und voller Angst, dass sie nicht auf den Boden vor sich achtete und auf einen großen trockenen Zweig trat. Der Knacks klang für sie ohrenbetäubend. Sie erstarrte und hielt vor Schreck die Luft an. Da hörte sie einen der Männer im hinteren Teil der Truppe sagen: „Habt ihr das gehört? Da ist etwas oder jemand im Wald!“ „Das ist sicher nur ein Waldtier“, entgegnete ein anderer Soldat.

„Ich gehe trotzdem nachsehen“, sagte der Krieger, gab den anderen ein Zeichen anzuhalten und stieg vom Pferd. Tami bekam panische Angst und fing an, sich so schnell und gleichzeitig so leise sie konnte, von dem Mann wegzubewegen, tiefer in den Wald hinein. Als sie ihn und die Soldaten nicht mehr hören konnte, fing sie an zu laufen, so schnell sie konnte. Es war schwierig, im dichten Wald zu laufen, aber die Angst beflügelte ihre Schritte. Sie lief und lief, bis sie völlig außer Atem war und einfach nicht mehr weiterkonnte.

 

Da sah sie einige Schritte vor sich ein besonders dichtes Gestrüpp am Fuß einer hohen Felswand. Ein besseres Versteck würde sie nicht finden! Tami achtete sorgsam darauf, keine Spuren zu hinterlassen und kroch tief in das Dickicht hinein. Als sie wieder etwas bei Atem war, horchte sie sorgfältig, ob von den Soldaten noch etwas zu hören war. Gott sei Dank blieb alles ruhig. 

Kapitel 2 - Ein wundersames Ereignis

Tami blieb noch einige Zeit zitternd in ihrem Versteck sitzen. Ihren Korb hatte sie anscheinend auf ihrer Flucht verloren – Tante Rella würde wütend sein. Und

irgendwann musste sie sich auf den Rückweg machen, sie würde ohnehin schon Schwierigkeiten mit ihrer Tante bekommen, weil sie zu spät und ohne Pilze

zurückkommen würde. Tami schickte sich an, aus dem Dickicht herauszukriechen, als sie weiter hinten im Gestrüpp etwas leuchten sah: einen hellen Lichtschein,

golden und weiß. Was war das? Sie blinzelte und das Leuchten verschwand, nur um kurz darauf wieder aufzutauchen. Entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, folgte Tami dem Schein, der sie tiefer ins Dickicht führte. Jedes Mal, wenn das Licht zu erlöschen schien, flackerte es erneut auf, wie ein verlockendes Versprechen. Tami zwängte sich weiter tiefer in das Gestrüpp hinein und stieß auf Anzeichen, dass hier jemand oder etwas entlanggegangen oder gekrochen war: abgebrochene Äste und Blätter.

 

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, aber irgendetwas in ihr zwang sie, weiter vorwärtszugehen, in Richtung des Leuchtens. Noch ein paar Mal erlosch das Leuchten und erschien wieder. Immer weiter drang Tami durch das Dickicht, bis sie schließlich auf eine Lichtung stieß, nahe an einem imposanten Felsen. Dort, zwischen den Bäumen, durch die Blätter hindurch, erblickte sie das Unerwartete – ein Pferd?

 

Doch dieses Pferd war anders als alles, was sie je gesehen hatte. Sein Fell schimmerte in strahlendem Weiß, die Mähne wie silbernes Gewebe. Und auf seinem Kopf... ein Horn, glänzend und majestätisch. Ein Einhorn – ein Wesen aus Legenden und Märchen! Aber das war unmöglich... Einhörner gab es gar nicht, die kamen nur in Geschichten ihres Vaters oder der alten Morah, der Geschichtenerzählerin des Dorfes, vor. Doch nicht in der Wirklichkeit...

 

Bleibe in Kontakt mit uns und verpasse keine Neuigkeiten rund um Salana und Tami

Kontaktiere uns gerne bei Fragen oder Anfragen zum Buch. Wir freuen uns über dein Interesse und Feedback. Möge die Suche nach dem vergessenen Zauber beginnen!

cj(at)christinajung.com

  • Instagram
  • Facebook
bottom of page